Das größere Wunder : Roman

Glavinic, Thomas, 2013
Öffentliche Bücherei Pfaffenhofen
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Medienart Buch
ISBN 978-3-446-24332-3
Verfasser Glavinic, Thomas Wikipedia
Systematik DR - Romane, Erzählungen, Novellen
Verlag Hanser
Ort München
Jahr 2013
Umfang 522 S.
Altersbeschränkung keine
Sprache deutsch
Verfasserangabe Thomas Glavinic
Annotation Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html);
Autor: Andreas Freinschlag;
Ein philosophischer Roman über Grenzerfahrungen. (DR)
Der Autor entwirft wie schon in den Romanen "Die Arbeit der Nacht" (2006) und "Das Leben der Wünsche" (2009) eine Biografie für seine Figur Jonas. Die bekannten Elemente (Sehnsüchte, Einsamkeit, Ödnis, Grenzerfahrungen) werden handlungsstark zusammengeführt: Jonas, ein junger Mann, befindet sich in einem Versuch, den Mount Everest zu besteigen, und denkt unterdessen über sein Leben nach. Die stückweise erzählten Erinnerungen beginnen bei seiner und seines Zwillingsbruders Geburt, von der Letzterer geistige Behinderungen davonträgt. Von der überforderten Mutter übernimmt Picco, der mephistophelische Großvater eines Freundes, die Zwillinge. Jonas' Bruder, der Freund und Picco sterben nacheinander; Letzterer hinterlässt Jonas sein dunkel verdientes Vermögen, das es ihm ermöglicht, sich auf die Suche nach dem "größeren Wunder" zu machen (u.a. lässt er für sich ein überdimensionales Baumhaus bauen und reist rastlos um die Welt). Das "größere Wunder" findet er erst in der Gestalt der Singer-Songwriterin Marie, die er nicht halten kann. Die Erinnerungen kulminieren in der Gegenwart.
Der Stil des Romans ist von so verblüffender, vielleicht raffinierter Einfachheit wie die lebensphilosophischen Botschaften, die er transportiert.

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Quelle: Literatur und Kritik;
Autor: Rainer Moritz;
Der Berg und die Liebe rufen
Thomas Glavinics Roman "Das größere Wunder"
An Produktivität nimmt es Thomas Glavinic mit nahezu allen seiner Kolleginnen und Kollegen auf. Fast im Jahresrhythmus legt er neue Romane vor, die sich thematisch schwerlich auf einen Nenner bringen lassen, mal (wie "Lisa") kaum mehr als Nebenwerke sind und dann wieder ums große Ganze kreisen. Wie nun im über 500 Seiten starken "Größeren Wunder", das nicht nur wegen seiner wiederkehrenden Protagonisten Jonas und Marie an die Romane "Die Arbeit der Nacht" (2006) und "Das Leben der Wünsche" (2009) anschließt.
Auf zwei Ebenen versucht "Das größere Wunder" den Seelenzustand seines Helden - Jonas - auszuleuchten und die Gegenwartshandlung mit Rückblenden auf Jonas' Kindheit und Jungmännerjahre zu beziehen. Einer fünfundzwanzig Jahre währenden ­Faszination für den "Berggiganten" Mount Everest nachgebend, schließt sich Jonas einer Expedition an und wird damit Teil jenes Himalaya-Massentourismus, den schon Jon Krakauer vor Jahren in seinem sehr erfolgreichen Erlebnisbericht "In eisigen Höhen" geißelte. Über viele Kapitel hinweg erleben wir Jonas, wie er nach Ruhe sucht und den Berg erklimmen will, "ohne nachdenken zu müssen". Wir nehmen Anteil an seinem Hunger, an seinen Schmerzen, an seiner Ungeduld, und wir spüren, was es heißt, tagelang auf das richtige Wetter zu warten, sich vor zwielichtigen Wegkumpanen zu schützen und plötzlich Freunde zu verlieren, für die der Mount Everest zur eiskalten Grabstätte wird. Das alles erzählt Thomas Glavinic mit großer, manchmal ermüdender Detailbesessenheit, die vor allem am Ende, als sich Jonas zu einem höchst gefährlichen Alleingang zum Gipfel entschließt, zu durchaus packender Abenteuerliteratur wird.
Verstehen lässt sich - das zeigt der Roman überdeutlich - Jonas' Hart­näckigkeit nur, wenn man seine Geschichte kennt. Eine anfangs trübsinnige Geschichte, da er vom Freund seiner Mutter krankenhausreif geschlagen wird und sein schwer behinderter Zwillingsbruder Mike an Schussverletzungen stirbt. Doch die Rettung, zumindest für Jonas, ist nicht fern: Der Großvater eines Freundes holt Jonas zu sich in sein Anwesen. Von allen nur Picco genannt, entspricht dieser Wohltäter nicht dem gängigen Bild eines österreichischen Pensionisten. Er kleidet sich unkonventionell, verfügt über unendliche Geldreserven, tritt, wo er Unrecht sieht, als brachialer Rächer auf, gibt gern Sentenzen von sich ("Antworten werden überschätzt") und lässt - als handele es sich um eine moderne, ruppige Variante des idealen Bildungswegs in Stifters "Nachsommer" - seinen Zögling von den kundigsten Privatlehrern unterrichten.
Als Picco an Krebs erkrankt und stirbt, ist Jonas zwar finanziell unabhängig, doch erst einmal unfähig, sein Leben in die Hand zu nehmen. Erst nach zwei Jahren verlässt er seine Wohnung wieder und macht sich auf, seinem Dasein Sinn zu verleihen. Den Maximen seines Ziehgroßvaters Picco folgend, erkennt er, dass er ein "erfülltes Leben" erst führen wird, wenn er sich einer Sache verschreibt, die "größer war als er". Jonas wird zum Suchenden, zum Umhergetriebenen, der mal in Oslo, mal in Tokio lebt, mal diese, mal jene Frau liebt und sich - unterstützt von einem japanischem Magnaten - bei Bedarf eine Insel im Indischen Ozean zulegt. Wie häufig in Thomas Glavinics Texten wäre es falsch, solche Handlungs­stränge mit realistischen Maßstäben zu messen. Jonas' Reise ist das mit zeitgenössischen Elementen ausstaffierte Märchen eines faustischen Menschen, der sich nicht mit kleinteiligen Lösungen zufrieden gibt.
Erfüllung erfährt Jonas schließlich in der Liebe, als er auf die Sängerin Marie trifft. In der Vereinigung mit ihr wird ihm ein "Wunder" zuteil: "Liebe ist: den leuchtenden Punkt der Seele des anderen zu erkennen und anzunehmen und in die Arme zu schließen, vielleicht gar über sich selbst hinaus." Man kommt nicht umhin, Thomas Glavinic für diesen hohen liebesmetaphysischen Ton Respekt zu zollen. Autor und Held schießen, frei von Ironie, hoch hinaus und riskieren viel. Marie ist Offenbarung für Jonas, und deshalb gerät seine Psyche gänzlich aus den Fugen, als sie - der Grund bleibt lange im Dunkeln - ihn verlässt und gewissermaßen dazu nötigt, seinen Mount-Everest-Gang anzutreten. Mit den Stürmen, dem Eis und dem Hillary-Step kämpfend, hofft Jonas in seiner selbstgewählten Entrückung auf ein weiteres Wunder, ein "größeres Wunder", auf Maries Rückkehr.
Es hilft kein Drumherumreden: Thomas Glavinic will von überbordender, seligmachender Liebe erzählen, ohne Zynismus, ohne postmoderne Absicherungen. Das ist bemerkenswert, weil er sich mit diesem Anflug von Größenwahn durchaus vom Einheitsbrei der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur absetzt. Doch die Absicht allein zählt nicht: Glavinics stilistische Sorglosigkeit und seine verheerende Neigung, Jonas' Odyssee permanent mit Weisheiten zu garnieren, die philosophischen Tiefgang besitzen sollen, zerstören das, was die Erzählung aus sich heraus zu demonstrieren hätte. Absätze, die mit "Man wird älter und älter und wartet noch immer. Kämpft noch immer mit der Welt und mit sich selbst, und das Erhabene, es will nicht kommen" einsetzen, werden zu bloßen Deklamationen, die die Behauptung von existenziellen Erschütterungen mit der gelungenen Darstellung von existenziellen Erschütterungen verwechseln. Genau daran scheitert dieser groß angelegte Roman. Der Mount Everest leidet an einem Übermaß von Alpi­nisten, die sich selbst in der Höhe finden wollen; "Das größere Wunder" leidet an einem Übermaß von mäßig originellen Reflexionen, die dem Leser vorgaukeln, einen philosophischen Roman vor sich zu haben.

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